Der veruntreute Himmel. Franz Werfel

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Der veruntreute Himmel - Franz Werfel


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dieses Geistes sind die Herrn Bichler und Konsorten, und das geht nun schon seit undenklichen Zeiten so. Die gerechte Strafe aber erfolgt in der Politik. – Weißt du, was das Große an dieser Teta ist? Sie hat nicht nur den Glauben, sondern auch den unbeugsamen Willen zu ihrer Unsterblichkeit und Seligwerdung.«

      Die Sonne war verschwunden. Ein schwüles Graublau lastete auf der Terrasse. Allerlei geflügeltes Unwesen schoß mit Propellerton hin und her, Hummeln, Wespen und große metallglänzende Fliegen. Übers Tischtuch zog in zielstrebiger Marschordnung eine Heerschar rötlicher Ameisen.

      »Weiß Gott«, sprach Livia mit tiefer Stimme, »der Gedanke an den Tod, das ist es, das füllt uns aus, dich und mich und Teta, dieser unaufhörliche Gedanke aller Gedanken, den wir nicht eingestehen wollen aus Scham. Schau dir diese Ameisen hier an, Theo, wo ist der Unterschied zwischen uns und ihnen? Wenn man denen ihren Weg links verstellt, laufen sie nach rechts. Da hast du die ganze menschliche Politik. Wodurch also zeichnet sich unser Ich vor dem ihren aus? Und woher beziehen wir den Anspruch auf unsre ganz große Extrawurst? Eine tote Ameise verschwindet nicht anders aus dem Leben als ein Mensch, nur appetitlicher. Wenn für uns ein Jenseits bereitsteht, dann müssen auch die Ameisen das ihrige haben, ich möcht' schon bitten, einen aromatischen Ameisenhaufen aus geistigen Fichtennadeln im Himmelsblau. – Ach, Theo, wenn ich manchmal in der Nacht an meine lieben frischen Kinder denk' und mir vorstellen muß, daß auch sie einmal auf diese gräßlichen Fleischbänke der Natur geworfen werden, dann fällt es mir wahrhaftig schwer, an Gott zu glauben.«

      »Gott«, sagte ich, »ist genau der Raum in uns, den der Tod frei läßt.« Livia aber sah unzufrieden und traurig drein.

      »Möglich«, meinte sie. »Und vielleicht verwandelt Teta den ganzen Tod in ihrem Inneren zu Gott. – Aber wir anderen, ich denk' nur an mich selbst, ich bin, wie man so sagt, eine leidlich gute Katholikin, und doch, wenn ich in die Kirche geh', dann kommt's mir vor, als erweise ich nicht mir selbst eine Wohltat, sondern dem lieben Gott. Das ist, wie wenn man einen armen alten, kranken Verwandten besucht. – Wahrscheinlich schämt man sich dabei vor der reichen Verwandtschaft, der wissenschaftlichen Aufgeklärtheit in uns.«

       Die Wolkendecke hatte sich ganz geschlossen. Die Schwalben blitzten erregt durcheinander. Ich dachte nach, auf welche Weise ich Livia das Folgende ohne Fälschung eingestehen könne:

      »Ich selbst«, erklärte ich nach einer Weile, »hab' in manchen sehr seltenen, aber guten Stunden eine starke Disposition zum Glauben – zum Glauben im strengen Sinne sogar.«

      »Disposition«, lachte die ehemalige Sängerin ziemlich spöttisch, »mit dieser Disposition ist es so wie mit dem Singen. Stimme hat bald einer. Die wird ihm vom Himmel geschenkt. Aber was fängst du mit deiner Stimme an, wenn du nicht singen lernst und übst und schuftest, ohne einen Tag auszulassen? Auch die Glaubenskunst muß man gewiß lernen und üben und üben und lernen wie die Gesangskunst, mein' ich.«

      Ein Windstoß fegte über den Tisch. Doris und Philipp kamen vom Tennisspiel heim. Die Kinder umarmten und küßten nicht nur ihre Mutter, sondern auch mich nach alter Gewohnheit. Ich empfand eine väterliche Freude an ihrer wohlgeratenen Schönheit und Jugend. Niemals war diese Empfindung stärker in mir gewesen als jetzt, da mir Livias Worte von den Fleischbänken der Natur noch in den Ohren klangen. Zugleich aber wurde es mir klarer als je, wie sehr das Heranwachsen junger Menschen eine Entfremdung und ein fast feindseliges Fernwerden bedeutet. Livia sprang auf. Es war spät geworden. Wir erwarteten eine Menge Gäste. Leopold war nach Liezen, zur Schnellzugstation, gefahren, um sie abzuholen. Der festliche Siebzehnte nahte heran. Die Frauen gingen eilig ins Haus, um die Fremdenzimmer zu rüsten. Philipp und ich begannen eine Schachpartie. Es donnerte schon. Die Geschichten von Teta und ihrem Neffen versanken in meinem Bewußtsein wie vieles andere vom Tage Zugetragene, das nie wieder aufersteht.

      Ohne Vorzeichen

       Von allen Festnächten des siebzehnten August, die ich auf Grafenegg im Laufe der Jahre mitgefeiert habe, war diese die bewegteste und längste. Jeder von uns fühlte sich angespornt, ich weiß nicht warum, seine Fähigkeit zur geselligen Freude auf das äußerste anzuspannen. Heute kommt's mir vor, als hätte ich jener Nacht des großen Abschieds, schon während ich sie durchlebte, deutlich angespürt, daß all ihre frohe Berauschtheit durch einen krankhaften Stich ins Übertriebene und Gezwungene verzerrt gewesen sei. Das aber mag nur eine nachträglich verdüsternde Korrektur meiner eigenen Erinnerung sein.

      Bedenkenswert jedoch ist es, daß Livia am Morgen dieses Siebzehnten mir mit einer blassen und aufrichtig gequälten Miene versetzte, sie habe es satt, für uns noch länger den Narren abzugeben. Heute werde dieses herausfordernde Fest zum unwiderruflich letzten Male gefeiert. Ein hochziffriger Geburtstag wie der ihre sei weiß Gott kein Anlaß für Lampions und Lärm, sondern für nachsichtiges Schweigen. Wenn wir nächstes Jahr wieder unsere blöden Kindereien vorhätten, so sollten wir dafür jeden anderen Tag des Sommers wählen, nur nicht den Siebzehnten. Und sie ließ Philipp, Doris und mich stehen, die wir mit fieberhaftem Eifer die Papierlaternen an den zwischen Bäumen gespannten Schnüren befestigten. Ich erschrak, denn ich kannte Livia zu genau, um nicht zu spüren, daß sie nur so schnell und böse davonging, weil sie ihre Tränen kaum herabzuwürgen vermochte. Ich hatte übrigens als mein Scherflein fürs Festkabarett eine kleine parodistische Szene verfaßt, welche die Kinder spielen sollten und die wir jetzt noch einmal rasch durchprobten.

       Es begann wie immer mit einem langen und glorreichen Abendessen, dem Festbeitrage Tetas. Mehr als zwanzig Personen saßen zu Tisch. Außer uns fünf – ich rechne mich als ewigen Gast zum Hause – waren ein paar junge Leute aus dem nachbarlichen Bekanntenkreis der Kinder gekommen und jene gesetzteren Besucher, die Leopold jüngst von der Bahn abgeholt hatte. Ich wunderte mich, unter diesen die alten guten Freunde Argans zu vermissen, dafür aber mehrere neue Gesichter zu finden. Die Erklärung dafür lag nah. Der Mehltau der politischen Entwicklung hatte sich auf alle menschlichen Beziehungen gelegt, und da Leopold eine entschiedene und eindeutige Stellung bezogen hatte, hielten es die Gesinnungsakrobaten, aus denen zu neunundneunzig Teilen alle Volksklassen bestehen, weder für wichtig noch für vorteilhaft, eine lang genossene Freundschaft mit Leuten zu unterstreichen, die eigentlich nie »ernst zu nehmen« gewesen sind. Die Heliotropie des menschlichen Opportunismus trat in ihr Recht. Die Tüchtigen wandten ihre Köpfe der neuen Sonne zu, wenngleich diese noch unterm Horizonte in einem fahlen Zwielicht stand. Zumeist ahnten sie gar nicht, daß sie Verräterei begingen, denn die erwähnte Kopfwendung ist ein ganz natürlicher und kein gesinnungshaft geistiger Vorgang, und der Mensch ist so schwach geboren, daß er jede »Weltanschauung« gläubig anzunehmen willens ist, sofern sie nur zur Herrschaft kommt und ihm sein Futter nicht vermindert. Diese Gattung Mensch würde auch glatt ihre eigenen Kinder abschlachten, wenn's die durch Macht erhärtete und mit Wissenschaft verbrämte Weltanschauung von ihr fordern sollte. Wie leicht war's da, sich von Freunden unauffällig zurückzuziehen!

      Was aber die neuen Gesichter anbelangt, so hingen sie mit der großherzigen Wahllosigkeit in Leopolds Natur zusammen. Wenn es spät wurde und er saß beim achten Whisky und die Seele wuchs ihm, da lud er alle ein, die sich in seiner Nähe befanden, wildfremde Leute und manchmal auch die Kellner, die ihn bedienten. Er besaß daher in der Welt so manchen Duzfreund, an dessen Gesicht er sich kaum, an dessen Namen er sich überhaupt nicht erinnerte. Nie ließ er sich jedoch die Unkenntnis anmerken, und wenn ihn einer seiner mysteriösen Duzfreunde irgendwo mit einem kernigen »Hallo, Poldi!« begrüßte, so erwiderte er den Willkomm mit gleicher Wärme und schlug wohl noch dem unbekannten Bruder einer weinselig verschollenen Nacht kameradschaftlich auf die Schulter. Man muß nicht eigens anmerken, daß solche verbrüderungsträchtige Gewohnheiten einem höheren Beamten im Dienste der Diplomatie nicht gut anstanden. Vom Diplomaten fordert man keine offenen Arme, sondern eine snobistisch ausschließende und einschränkende Siebung seines Verkehrs. Kein Wunder, daß Leopolds Karriere durch diese großmütige Wahllosigkeit gelitten hatte, da er und Livia überdies sich noch wehrten, langweilige Gesellschaften zu besuchen oder gar bei sich zu empfangen. Die Argans waren die Argans, keine von der jeweiligen Beleuchtung an die Wand der Zeitumstände geworfenen Schatten, sondern ursprüngliche Menschen, die von ihrem eigenen Lichte lebten. Wie wenige Selbstherrliche dieser Art gibt es, und sie allein haben es nicht nötig, eine Rolle


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