Nebelrache. Nancy Farmer
Читать онлайн книгу.es die Kehle zu. Das Sonnenlicht schwebte über dem schützenden Blätterdach. Eine Drossel klappte den Schnabel auf und fing laut an zu singen. Ein Spinnennetz schwang in einem Windstoß hin und her. „Ich sehe … ach, Mist! Ich sehe gar nichts. Nein, das stimmt nicht. Ich sehe ein Eichhörnchen, einen Käfer, eine Drossel, ein Spinnennetz, aber nichts von Bedeutung. Ich werde nie ein wahrer Barde sein!“
„Und was könnte mehr Bedeutung haben als ein Eichhörnchen, ein Käfer, eine Drossel und ein Spinnennetz?“, fragte der alte Mann.
„Wieso …?“ Jack schaute zu ihm auf.
„Genau. Seit du mein Lehrling bist, habe ich dich gelehrt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Solange du das nicht kannst, brauchst du auch keine Hoffnung haben, darüber hinauszusehen. Ich werde schon bald von dir verlangen, dass du eine Nacht hier verbringst.“
Jack schluckte nervös. Bei Tage wirkte der Wald friedlich und sicher, aber er wusste, dass sich manche Dinge nach Einbruch der Dunkelheit änderten.
„Du hast gefragt, was ich bei meiner Prüfung an der Bardenschule gesehen habe“, sagte der alte Mann. „Beim ersten Mal sind mir dieselben Wesen begegnet wie dir – ein Igel, eine Fledermaus, eine Ricke mit ihrem Kitz. Aber beim zweiten Mal –“ Er verstummte.
Was war beim zweiten Mal?, dachte Jack panisch. Der Barde setzte sich wieder in Bewegung und an seinem energischen Schritt erkannte Jack, dass er keine weiteren Fragen beantworten würde.
Sie folgten einem der vielen Wege durch den Haselwald. Glockenblumen streiften ihre Knöchel, und sie hörten das Plätschern eines Baches.
„Sieh dorthin“, verlangte der Barde. Jack stockte der Atem. Wo noch vor Kurzem uralte Eichen dicht an dicht gestanden hatten, war jetzt eine Schneise geschlagen worden, als hätte jemand ein gigantisches Schwert geschwungen und sich einen Weg durch das Herz des Waldes gebahnt.
„Typisch für Olaf und seine Bande von Dickschädeln, dass sie so eine Verwüstung hinterlassen“, bemerkte der Barde und ließ den Blick über die Schneise schweifen.
„Hatte Thorgil recht?“, fragte Jack. „Hat Odin hier wirklich eine wilde Jagd angeführt?“
„Irgendetwas hat diese Eichen vernichtet.“
Die breite Schneise war mit Zweigen und Ästen übersät und in der Mitte, wo der Boden tiefer gefurcht war, standen Pfützen. „Wenn es eine Jagd war“, sagte Jack nachdenklich, „was war dann die Beute?“
„Nicht Gog und Magog, die armen Kerle. Sie hatten nur das Pech, den Jägern in die Quere zu kommen“, sagte der Barde. „Die wilde Jagd treibt das Unglück vor sich her. Und es folgen ihr Seuchen, Hungersnöte und Kriege. Ich denke, dass uns eine interessante Zeit bevorsteht.“
Der Himmel war so strahlend blau, als wäre nie etwas geschehen, und die Luft hatte die gewohnte Sommerwärme. Jack entdeckte Bruder Aiden, der sich einen Weg durch das Unterholz bahnte, indem er wie ein Spatz von einem Ast zum nächsten hüpfte. Der Mönch hielt ein Holzkreuz hoch und aus seinem Mund kam ein merkwürdiger Singsang auf Lateinisch. Jack konnte zwar nichts davon verstehen, aber es war klar, dass die Worte voll von christlicher Magie waren.
„Aiden, mein Freund“, rief der Barde, „seht Euch vor, damit Ihr nicht gleich bis zu den Ohren im Schlamm steckt.“
Der kleine Mönch schaute auf und wäre dabei beinahe von einem Ast gerutscht. „Ich muss diesen Ort weihen“, sagte er und suchte sich einen sicheren Stand. „Hier ist Böses geschehen.“
„Das ist wahr, und nicht nur hier – auch die Farmen hat es hart getroffen. Wir müssen Getreide eintauschen, bevor es Winter wird.“ Der Barde überquerte die Schneise – für einen alten Mann war er erstaunlich trittsicher – und half Bruder Aiden auf festen Boden.
„Ich kann Tinte anmischen. Die Leute kaufen sie gern“, bot der Mönch an. Bruder Aiden war berühmt für seine leuchtenden Farben, die dazu verwendet wurden, die heiligen Manuskripte zu bebildern.
„Hervorragend! Ich schicke Euch Pega zum Helfen. Jack und Thorgil können Kräuter für meine Elixiere sammeln. John der Böttcher hat einen ganzen Packen Hirschfelle, und ich bin sicher, dass ich den Ältesten überreden kann, ein paar Münzen aus seinem privaten Schatz herauszurücken. Meine Sterne! Diese Schneise ist so schnurgerade, als hätten die Römer hier eine Straße gebaut.“
Jack schaute die Schneise entlang bis hin zu einer weit entfernten Wiese und zu den dahinterliegenden Hügeln. Ein einsamer Vogel flog von einer Seite der Schneise zur anderen. Seine Rufe ertönten aus dem Schatten einer Eibe. „Das klingt so … traurig“, murmelte Jack.
Der Barde musterte ihn scharf. „In der Tat. Er betrauert den Verlust seiner Küken. Hast du bei Thorgil Unterricht in der Vogelsprache genommen?“
Jack verzog das Gesicht. „Nein, Herr. Thorgil würde niemals zugeben, dass sie die Vögel verstehen kann.“
„Dieses unausstehliche Kind. So viel Sturheit gibt es wirklich kein zweites Mal. Bleib hier und hilf Aiden, Junge. Ich erwarte dich zum Essen.“ Der alte Mann nahm seine Harfe und den Korb mit den Pilzen und wendete sich zum Gehen. Jack wusste nicht genau, was jetzt von ihm erwartet wurde.
„Ich würde mich freuen, wenn du für mich singen könntest“, sagte Bruder Aiden schüchtern. „Mir ist das Herz ganz schwer, weil wir diese beiden armen Männer verloren haben.“ Die Augen des kleinen Mönchs waren voller Tränen, und Jack war klar, dass er daran dachte, wie er damals entkommen war, als der Herr des Waldes oder Satan oder wer auch immer hinter ihm hergewesen war.
Und so sang Jack von der Erde, wenn sie sanft und nicht wild war, vom Wind, der durch die Blätter wehte und auf den Bäumen Harfe spielte. Er sang von grünen Wiesen, auf die die Rehe ihre Kitze brachten, weil sie wussten, dass sie dort sicher waren, und von den Rufen der Lerchen hoch oben in der Luft.
Langsam hellte sich das Gesicht von Bruder Aiden auf und er sah wieder hoffnungsvoll aus. „Ich danke dir“, sagte er. „Deine Stimme hat eine heilende Wirkung, fast so gut wie die von Pega.“ Er begann erneut, die klaffende Wunde im Wald zu weihen.
Jack starrte die Schneise an und dachte: Wenn Thorgil richtig gesehen hat, ist dies der Pfad, den Odin mit seinen Kriegern genommen hat. Sie haben Thorgil nicht geholt, sie ignoriert, obwohl sie sich ihnen anschließen wollte, und stattdessen Gog und Magog genommen, die es nicht wollten. Wieso vergleicht mich eigentlich jeder mit Pega?
Leicht gereizt verabschiedete er sich von Bruder Aiden und machte sich auf den Weg zu seinen Eltern, um nachzusehen, ob sie Hilfe bei der Reparatur der Sturmschäden brauchten.
Seefahrer
Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf die Federn der Schwalben, als Jack sich auf den Heimweg zum Haus des Barden machte. Auf dem Meer, das immer noch von weit entfernten Stürmen aufgewühlt war, lag Schaum. Die Luft war jedoch wundervoll klar, und alle Geräusche waren meilenweit zu hören. Jack hörte, wie Bruder Aiden in seiner kleinen Hütte, die die Form eines Bienenkorbs hatte, die Glocke läutete. Der Ton vibrierte wie eine singende Harfensaite, bevor er im tief dunkelblauen Himmel verklang – ganz anders als eine Kuhglocke. Diese Glocke hatte mit einer Kuhglocke so viel gemeinsam wie eine Kuh mit einer Nachtigall.
König Brutus hatte diese Glocke tief unten in einer alten Truhe im Kloster des heiligen Filian gefunden. Und da das Kloster schon eine Glocke besaß und die neu gefundene ohnehin zu klein für eine so große Anlage war, hatte der König sie ins Dorf geschickt. Bruder Aiden war begeistert davon. Noch vor einer Woche hatte er ein rostiges Instrument benutzen müssen, das eher gescheppert als geklungen hatte.
Jack hörte die neue Glocke jetzt zum ersten Mal, und ihr Klang erfüllte ihn mit einer Sehnsucht, die er nicht recht begreifen konnte. Es läutete wieder. Bruder Aiden kniete wahrscheinlich schon und betete; die Glocke sollte diejenigen herbeirufen, die am Gottesdienst teilnehmen wollten. Jack fand es merkwürdig, dass Geräusche weiter getragen wurden, als er sehen konnte, denn Bruder Aiden war so weit weg, dass Jack nicht einmal das Feuer vor seiner Hütte ausmachen konnte.