Pardona 3 - Herz der tausend Welten. Mháire Stritter

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Pardona 3 - Herz der tausend Welten - Mháire Stritter


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      Plötzlich sah Acuriën wieder deutlich aus den Augen des Vogels und die Zeit begann unglücklicherweise sofort wieder normal zu verlaufen. Von der Stelle, wo die Fibel explodiert war, breiteten sich rasend schnell wimmelnde Tentakel und verzerrte Mäuler aus. Sie platzten aus dem Gestein des Turms und dem Boden empor, sogar aus den Resten des geschmolzenen Kessels – und sie griffen und schnappten auch nach Acuriëns Falkenkörper.

      Er rettete sein Bewusstsein in das kleine Gehirn des Vogels, zwang ihn, auf die Beine zu kommen, sich aus der nun schnell schmelzenden Schneewehe zu befreien. Schon reckte sich ein Maul an der Spitze eines Tentakels nach ihm, die Kiefer starrten vor langen Metallspitzen, von denen eine milchige Substanz tropfte. Durch die Ohren des Vogels konnte er dumpfen Kampfeslärm hören. Ob die Menschen den Vogel vor den Dämonenmäulern retten würden?

      Irrsinn! Er konnte sich nur selbst retten und würde nicht zulassen, dass es nach all den Jahrtausenden, die das Schicksal ihn an Amadena gekettet hatte, nun so endete. Der Falke stemmte sich auf die Beine und schien dabei Tonnen zu wiegen. Sofort sank er im Schnee ein und fiel zur Seite, schlitterte dabei aber immerhin weg von den Tentakeln und auf den Rand des Simses zu. Doch auch dieser begann bereits, Blasen zu werfen und sich zu verformen. Weitere dämonische Klauen und Fratzen begannen sich zu bilden. Acuriën stemmte seine Vogelbeine gegen den Stein und schlug mit den Flügeln.

      Mit einem Stoß war er über den Rand des Simses hinabgesprungen und stürzte in die Tiefe. Es fühlte sich an, als würde er allein das Eingangsportal des Himmelsturms öffnen, als er die Flügel des Falken spreizte, um den Fall in ein Gleiten und mit einem weiteren Kraftakt in eine Aufwärtsbewegung zu verwandeln. Der Flug war mühsam und unsicher, aber er brachte ihn fort vom einstürzenden Turm. Langsam gewann er die Kontrolle über den Vogel wieder.

      Doch wohin jetzt? War er jetzt etwa frei, seine letzten Tage als Vogel zu verbringen?

      Die Stimme Amadenas erklang erneut in seinem Kopf. »Ich dachte mir, dass du es schaffen würdest. Triff mich sieben Meilen nördlich des Turms, falls dein Gefäß das übersteht. Wir haben noch viel zu tun.«

      Er konnte sich ihr nicht widersetzen.

      Die Jahre sind vergänglich

      Verwehter Staub im Wind

      Und ewig unverändert

      Regiert das Drachenkind

      Mit Wort und Tat und Lüge

      Baut sie ein Haus aus Schein

      Erhebt die Diener mal empor

      Reißt dann ihr Leben wieder ein.

      Die Worte sickern golden

      auch in starken Geist

      Bis dieser sich verworren

      Selbst die Wege weist

      Zu Dingen unversprochen

      Ein Lohn, der niemals gilt

      So wird kein Pakt, kein Eid gebrochen

      Wenn dann der Tod die Treue stiehlt.

      Nichts kann die Zeiten halten,

      worin Pardona ein Schiff jagen lässt und von Verbündeten Treue und Opfer fordert, die niemals vergolten werden, und den ersten Schritt der letzten Reise tut.

      Dreitausend Jahre zuvor.

      Der Riss in den Welten entließ Eiseskälte und Sturmwinde in den Nebel. Hier endete, was die Schöpfung verband und zusammenhielt. Hier begann das Chaos. Auf ihrer Flucht hatte eine Gefangene des Jenseits eine Bresche geschlagen, die nur langsam heilte. Die Grenze, mit einem sterblichen Verstand betrachtet, erschien wie schwarzes Wasser in dunkler Leere, auf dem riesige, blass leuchtende Kugeln entlangwanderten.

      Die Sternenlichter zogen grollend ihre Bahn entlang der Barriere; die Öffnung würde sich bald schließen, wenn diese Wächter ihre Aufgabe erfüllten und das Chaos der 7. Sphäre vom Rest der Schöpfung trennten, so gut es möglich war. Noch aber pulsierte die Wunde in der Barriere und Wesenheiten, die ein Gespür dafür besaßen, glitten lautlos und hungrig näher.

      Ein goldener Kiel zerteilte den Nebel und die Aasfresser des Limbus huschten davon. Das Schiff hing im Nichts, reglos und einsam. Lange hatte niemand mehr ihre Decks betreten, keine Hand sich auf ihr Ruder gelegt. Da die Rilmandra von einer Frau erschaffen worden war, die schon zu Lebzeiten gottgleich gewesen war, war sie viel mehr als nur ein kunstvoll hergestellter Rumpf und seidenbestickte Segel. Sie war lebendig, eine Entdeckerin und Abenteurerin, und lange, lange schon allein.

      Ihre Neugier, eine dienstbare Eigenschaft für jemanden, der unbekannte Wege in andere Welten suchen sollte, ließ sie einen vorsichtigen Blick durch den Riss werfen, während sie auf den Wellen der Sphärenbewegungen schwankte. Jenseits herrschte unbarmherzige Kälte und das Heulen einer Jagdmeute begrüßte sie, als ihre körperlosen Sinne die Umgebung zu erfassen versuchten – und nah, ganz nah am Riss, befanden sich Sterbliche.

      Rilmandra war unschlüssig, was dies zu bedeuten hatte. Dies war kein Ort für Sterbliche. Er würde sie zermahlen und ihre Seelen fressen, sie in Chaos auflösen. Doch keiner von ihnen unternahm auch nur einen Handschlag, um sich zu retten. Der Riss war direkt bei ihnen, nur wenige Schritte entfernt. Zwei lagen reglos am Boden, einer stand stumm herum und der letzte rannte auf vier Beinen auf und ab und heulte traurig.

      Der Übergang würde nicht mehr lange bestehen und Rilmandra wusste, dass sie den Riss nicht offenhalten durfte. Es widersprach den Wünschen, die ihre Schöpferin einst geäußert hatte, und ihrem eigenen Sinn für Ordnung. Zudem konnte der Riss Mächte herbeirufen, die selbst durch ihr fein gesponnenes Netz aus Schutz und Heimlichkeit dringen würden, um ihre Masten zu brechen und ihre Planken zu zerschlagen.

      Vorsichtig versuchte sie, mit ihrer Seele die des Stehenden zu berühren, aber sie spürte keinen Widerstand. Sein Körper war leer, nichts weiter als eine atmende Hülle.

      Ihre Unschlüssigkeit währte nur noch einen Augenblick, dann warf sie ihre Sinne vorwärts. Ihre geliehenen Hände flatterten ungeschickt, als sie das Gleichgewicht der zweibeinigen Form zu wahren versuchte. Ihr Blick, so beschränkt aus zwei Augen, fiel auf die Liegenden. Eis hatte sich ihrer bemächtigt und Statuen aus ihnen gemacht, blau und blass und sicher verwahrt.

      »Ich denke, ich möchte euch mitnehmen«, sagte sie zu dem Vierbeinigen. »Ihr gehört nicht hierher.«

      Der andere gab laute Rufe von sich und sprang aufgeregt hin und her.

      »Ich verstehe dich nicht«, gab sie zu und manövrierte ihren geborgten Körper mühselig näher an die beiden Erstarrten. Sie lieh etwas Kraft an die Hände und Gliedmaßen, die sie mit aller Konzentration steuerte, und hob die Statuen an.

      Zu ihrem Glück war die Strecke zum Riss so gering, dass sie sie die paar Schritte im Grunde einfach stolpern und dann vorwärts fallen konnte. Sobald der Nebel die kleine Gruppe umschloss, wurden Gewicht und Bewegung bedeutungslos. Erleichtert ließ sie ihren Schiffsrumpf näher herangleiten und zog die Sterblichen sanft in den Griff ihres Lichtes und ihrer eigenen Schwere.

      Ein wütendes Heulen drang aus der Bresche in der Schöpfung, doch der Übergang schloss sich weiter. Mit ihren Sinnen, die Strömungen schmeckten und das Raunen der Sphären hörten, sowie mit den Augen des geliehenen Körpers beobachtete Rilmandra, wie die Wunde zu einer Narbe wurde.

      »So ist es besser«, sagte sie und sah zu dem Vierbeiner. Ihr Gastkörper lag auf dem Rücken, stellte sie fest, was ihn ziemlich nutzlos machte. »Bei mir seid ihr sicher.«

      Der andere jammerte leise und presste sein Gesicht gegen die Schulter ihres Körpers. »Schon gut«, murmelte sie. »Ich verstehe dich aber immer noch nicht.«

      Unter Aufbringung von etwas Konzentration rollte sie den Körper herum und schob ihn zusammen, bis sie erst die Knie und dann die Füße unter ihrem Schwerpunkt gebracht hatte und sich aufrichten konnte. Zugleich drehte sie ihren weitaus größeren eigentlichen


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