Waldröschen I. Die Tochter des Granden. Karl May

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Waldröschen I. Die Tochter des Granden - Karl May


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vor Güte; ihr Mund war stets zu einem guten Wort bereit, und da ihr teurer Juan trotz aller körperlichen Verschiedenheit ganz dieselben seelischen Eigenschaften besaß wie sie, so lebten sie wie Tauber und Täubchen, und es hatte noch kein Mensch ein einziges schroffes Wort gehört, das zwischen ihnen gefallen wäre.

      Jetzt aber war der Kastellan mit der Zusammensetzung eines kostbaren Schreibzeugs beschäftigt, und seine Ehefrau besserte die aufgedrehte Troddel eines prächtigen Teppichs aus. Dabei unterhielten sie sich so leise, als ob der kranke Graf sich in ihrer unmittelbaren Nähe befinde.

      »Meinst du wohl, Elvira, daß dieses Schreibzeug ihm gefallen wird?« fragte der Kastellan. – »Sehr gut! Und was, Alimpo, glaubst du, daß er zu diesem Teppich sagt?« – »Sehr schön, wird er sagen!« – »Ja, wir suchen für ihn das Beste hervor!« – »Er ist‘s auch wert, Elvira!« – »Natürlich! Er ist so gut!« – »So bescheiden!« – »So klug und gelehrt!« – »Und so schön, Alimpo!« – »Das mag wohl sein. Euch Frauen fällt das gleich auf, ich aber verstehe mich darauf nicht. Aber das weiß ich, daß ich ihn lieb habe und doch zugleich einen gewaltigen Respekt vor ihm empfinde. Nicht, Elvira?« – »Ja. Mir geht es ebenso. Ich möchte ihm alles an den Augen absehen, und doch kommt er mir so hoch, so stolz und vornehm vor, als ob er ein Graf, ein Prinz oder gar ein Herzog sei.« – »Der gnädige Herr hat ihn auch gar lieb.« – »Ebenso die gnädige Condesa. Aber diese anderen, die Ärzte, oh, Alimpo, die gefallen mir gar nicht.« – »Mir noch weniger. Ich wünsche keinem Menschen, daß ihn der Teufel holen möge, diese drei Kerle aber könnte er immer einmal holen. Meinst du nicht auch, Elvira?« – »Ja, gewiß bin ich deiner Ansicht Sie hätten den gnädigen Herrn totgemacht, wenn unser Señor nicht dazugekommen wäre; darauf kannst du dich verlassen, Alimpo!« – »Und was sagst du zu dem jungen Herrn, Elvira?« – »Hm, da muß man vorsichtig sein! Welche Meinung hast denn du?« – »Ja, da muß man sehr vorsichtig sein. Ich meine – hm, ich meine – daß ihn der Teufel – hm ja, daß ihn der Teufel auch so einmal holen könne, gerade wie die Ärzte!« – »Ei, ei, Alimpo!« drohte die Kastellanin. »So darf man nicht von dem jungen Herrn Grafen sprechen! Das ist sehr respektlos, obgleich auch ich nicht das mindeste dagegen hätte. Dieser junge Graf Alfonzo gefällt mir ganz und gar nicht Er sieht gar nicht aus wie ein richtiger Graf!« – »Nein. Er sieht seinem Vater, unserem gnädigen Herrn, nicht ähnlich. Hast du das nicht auch bereits bemerkt?« – »O ja! Und weißt du, wem er ähnlich sieht?« – »Nun?« – »Diesem alten Señor Cortejo, dem Notar.« – »Ich dachte, du würdest sagen, daß er der Schwester Clarissa ähnlich sieht«

      Die gute Elvira machte zuerst ein sehr erstauntes Gesicht; dann sann sie ein wenig nach und entgegnete:

      »Wahrhaftig, du hast recht, Alimpo! Auch dieser frommen Schwester Clarissa sieht er ähnlich. Es ist gerade, als wenn der Notar und die Schwester seine Eltern wären! Ist das nicht sehr merkwürdig, mein lieber Alimpo?« – »Ja, allerdings«, stimmte er bei. »Aber ich bin mit meinem Schreibzeug nun fertig geworden.« – »Und ich mit dem Teppich auch. Wollen wir die Sachen jetzt in das Zimmer unseres Doktors tragen?« – »Ich denke, ja.« – »Nun, so komm!«

      Sie traten hinaus auf den Korridor und kamen gerade zur rechten Zeit, um die drei spanischen Ärzte zu sehen, die den Weg nach den Gemächern des Grafen Emanuel eingeschlagen hatten.

      Diese drei Herren zeigten sehr ernste, feierliche Mienen. Als sie das Vorzimmer erreichten, fragte Doktor Francas den daselbst anwesenden Diener:

      »Wir hören, daß Seine Erlaucht, der gnädige Graf, unwohl sind?« – »Allerdings«, antwortete der Gefragte. – »Wir wünschen ihn zu sprechen.« – »Der gnädige Herr haben jeden Besuch streng untersagt.« – »Auch den unsrigen?« – »Es ist ein Name überhaupt nicht genannt worden.« – »Nun, so melden Sie uns.« – »Ich möchte es nicht wagen.« – »Warum nicht? Wenn Seine Erlaucht krank sind, so sind wir als Ärzte doch da, ihm unsere Hilfe zu bringen.« – »Ich möchte dennoch von einer Meldung absehen«, versetzte der Diener mit höflichem Ton. »Ich habe den Befehl des gnädigen Herrn zu respektieren.« – »Und den unsrigen auch!« bemerkte der Arzt in strengem Ton. »Wo es einen Kranken gibt, da ist stets der Arzt der Befehlende.« – »Das habe ich auch geglaubt, Señor; aber ich bin eines Besseren belehrt.« – »Wie denn? Durch wen?« – »Zunächst durch Herrn Doktor Sternau und dann durch den gnädigen Herrn selbst. Sie gaben mir, als Sie die Operation vornehmen wollten, den Befehl, keinen Menschen und auch die gnädige Condesa nicht einzulassen, ich gehorchte Ihnen und habe einen Verweis erhalten, wie er mir noch niemals gegeben wurde.« – »Daran sind Sie selbst schuld; hätten Sie die Condesa und diesen brutalen Fremden mit Gewalt abgewehrt, so wäre der ganze unangenehme Fall nicht passiert. Also, melden Sie uns oder nicht?«

      Der Diener zögerte einige Sekunden, dann antwortete er: »Nun wohl, ich will es wagen!«

      Er trat in das Gemach nebenan und kehrte bald darauf mit dem Bescheid zurück, daß die Señores eintreten dürften.

      »Sehen Sie!« meinte Francas triumphierend, »Ich ersuche Sie also, in Zukunft höflicher mit uns zu sein!«

      Der Diener öffnete ihnen die Tür und machte, als sie eingetreten waren, hinter ihnen eine Pantomime, die nichts weniger als Achtung und Höflichkeit ausdrückte.

      Der Graf befand sich in demselben Zimmer, in dem einige Tage vorher die Operation hatte vorgenommen werden sollen. Er lag in einem mit Samt gepolsterten Ruhestuhl und trug ein bequemes Morgenhabit. Sein Aussehen war allerdings ein angegriffenes, keineswegs aber ein leidendes zu nennen.

      Die drei Herren verbeugten sich tief vor ihm, obgleich er von dieser Verbeugung nichts sehen konnte. Der Graf winkte ihnen leicht zu, deutete ihnen durch eine Handbewegung an, sich zu setzen, und begann:

      »Señores, Ihr habt wohl gehört, daß ich Ruhe begehre. Wenn ich Euch trotzdem hier empfange, so mag Euch das ein Beweis meiner freundschaftlichen Gesinnung sein. Was wünscht Ihr, mir zu sagen?«

      Francas erhob sich von seinem Sitz und entgegnete:

      »Erlauchtester Graf, es treibt uns nichts als die Sorge um Ihr Wohlbefinden zu Ihnen. Wir hörten allerdings, daß Sie die äußerste Stille anbefohlen hätten, und da wir daraus auf eine Verschlimmerung Ihres so besorgniserregenden Zustands schließen mußten, so eilten wir herbei, um, wie es uns die Pflicht gebietet Ihnen mit unserem ärztlichen Rat zur Seite zu stehen.« – »Ich danke Euch!« erwiderte der Graf in seinem höflichsten Ton. »Ich fühle mich zwar matt, sonst aber scheint mir ein Grund zu wirklicher Besorgnis nicht vorhanden zu sein.« – »Gnädigster Herr«, fiel da Doktor Milanos aus Cordova ein, »oft hält der Leidende seinen Zustand für ungefährlich, während doch gerade das Gegenteil davon der Fall ist. Nur der Arzt erkennt, welcher Art das Befinden seines Patienten ist« – »Ihr mögt recht haben«, antwortete der Graf mit einem leisen Lächeln. »Auch ich enthalte mich aller eigenmächtigen Beurteilung meines Zustands und akzeptiere nur die ärztliche Ansicht. Señor Doktor Sternau aber hat mir versichert, daß ich nichts zu befürchten habe, und nach Eurer eigenen Meinung muß ich ihm als Arzt doch Glauben schenken.«

      Die drei Herren wechselten miteinander einen Blick, der die allergrößte Indignation ausdrückte, und Francas sagte mit finsterem Stirnrunzeln:

      »Dieser fremde Señor Sternau? Erlaucht, mein werter Kollege, Señor Cielli hier, hat die Ehre gehabt, viele Jahre lang Ihr Hausarzt zu sein und während dieser Zeit Ihr vollständiges Vertrauen zu genießen. Auch wir beiden anderen sind Ihrem ebenso ehren- wie vertrauensvollen Ruf gefolgt, um Sie von einem Leiden zu befreien, das Ihnen den sicheren Tod bringt, wenn es nicht durch schnellste Anwendung energischer Maßregeln gehoben wird. Wir vertreten die ärztliche Kunst und Geschicklichkeit unseres Vaterlands; wir sind bereit, Ihnen das Leben zu retten, und wenn ein vollständig fremder, obskurer Medikaster zu Ihnen kommt, vertrauen Sie ihm mehr als uns und beachten es nicht, daß Sie dieses Verhalten mit Ihrem kostbaren Leben bezahlen werden. Bedenken Sie, Erlaucht, daß in uns alle Vertreter der ärztlichen Wissenschaft in Spanien beleidigt werden!« – »Señores«, erklärte der Graf, »Ihr geht zu weit! Doktor Sternau ist hier allerdings ein Fremder, doch einen obskuren Medikaster darf ihn niemand nennen. Er ist einer der hervorragendsten Jünger seiner Kunst, wie ich mich vollständig überzeugt habe. Er hat die berühmtesten Universitäten seines Vaterlands


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