Die Juweleninsel. Karl May

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Die Juweleninsel - Karl May


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reichte ihm die Hand, welche Brendel mit sichtbarer Rührung drückte. Der alte Wachtmeister hatte nun bereits seit langen Jahren treu zu ihm gehalten und stets so an ihm gehandelt, daß es ihm leichter wurde, den Verlust seines Beines und seiner Nase zu ertragen.

      Das Essen war beendet und die Leute erhoben sich, um wieder an ihre Arbeit zu gehen. Anna, die Tochter, war noch mit Abräumen beschäftigt, als ein Reiter durch die Schlucht kam, bei dem Anblicke des hübschen Mädchens stutzte und dann sein Pferd in schnelleren Gang versetzte. Vor dem Tische hielt er an und stieg ab. Sie sah, daß es ein vornehmer Herr sein müsse.

      »Guten Tag, mein schönes Kind!« grüßte er. »Darf ich fragen, wer Du bist?«

      »Ich bin die Tochter des Müllers,« antwortete sie.

      »Das ist nicht wahr. Der Müller hat gar keine Tochter!«

      »Ja, der vorige!«

      »Ach so!« meinte er, sich besinnend. »Es ist ja ein neuer Müller hier. Wo ist er her?«

      »Von drüben herüber, aus Norland.«

      »Ah! Wie heißt er?«

      »Uhlig.«

      »Und Du?«

      »Anna.«

      »Ein hübscher Name, mein Kind! Kann man bei Euch ein Glas Milch bekommen?«

      »So viel Sie wollen.«

      »So bringe es mir dort in jene Laube!«

      Er band sein Pferd an den nächsten Baum und schritt der Laube zu. Nach einiger Zeit brachte Anna das verlangte Getränk. Er musterte das Mädchen mit einem Blicke, der sie hoch erröthen machte, und ergriff ihre Hand.

      »Sage einmal, hast Du bereits einen Schatz?«

      »Sind solche Fragen hier in der Sitte?« antwortete sie.

      »Nicht nur hier, sondern überall. Ich muß wissen, ob Du einen Geliebten hast.«

      »Warum?«

      »Du bist ein reizendes Wesen, und wenn Du noch frei bist, so mußt Du mein werden.«

      »Danke sehr! Dann will ich ihnen lieber gleich sagen, daß ich bereits versehen bin.«

      »Ah! An wen?«

      »Meine Sache!«

      »Auch gut! Aber einen Kuß hast Du doch wohl auch an einen Andern übrig?«

      »Nein.«

      Er versuchte sie an sich zu ziehen; es gelang ihm nicht; ebensowenig aber konnte sie ihre Hand, die er fest gefaßt hielt, aus der seinigen bringen.

      »Nicht? So nehme ich ihn mir!«

      »Das werden Sie nicht thun!«

      »Warum?«

      »Weil ich es nicht leide.«

      »Wollen sehen!«

      Er faßte sie nun auch mit der Linken; sie aber schob ihn sehr kräftig zurück.

      »Lassen Sie mich gehen. Ich habe mehr zu thun, als mich mit Fremden herumzubalgen!«

      »Ich aber balge mich gern, zumal mit einem so hübschen Mädchen wie Du bist.«

      »Sie scheinen aber nicht immer gut dabei zu fahren!«

      »Wie so?«

      »Man sieht es ja Ihrem Gesichte an, in dem die Schwielen und Narben noch zu sehen sind. Lassen Sie mich endlich sonst weiß ich mich zu wehren!«

      »Pah, einen Kuß!«

      Er umfing sie wirklich und spitzte bereits die Lippen; da aber holte sie aus und gab ihm eine solche Ohrfeige, daß er sie fahren ließ. Sie sprang zur Laube hinaus.

      »Donnerwetter!« rief er. »Das sollst Du mir büßen!«

      Er eilte ihr nach, und es gelang ihm, sie wieder zu ergreifen.

      »Lassen Sie mich, Sie Unverschämter, sonst rufe ich um Hilfe!« drohte sie.

      »Rufe doch!« antwortete er, sie fest an sich drückend.

      »Hilfe!«

      Es hätte dieses Rufes nicht bedurft, denn bereits war der Müller aus der Thür getreten und kam herbeigesprungen.

      »Herr, was wollen Sie? Lassen Sie los!«

      »Nicht eher, als bis ich meinen Kuß erhalten habe!«

      »Da kannst Du warten, Bürschchen!«

      Mit diesen Worten faßte der Müller zu, und zwar so kräftig, daß der Fremde das Mädchen augenblicklich freigab.

      »Hund, Du wagst es, Dich an mir zu vergreifen!«

      »Kerl, rede anständig mit mir, sonst zeige ich Dir, wie man mit ehrlichen Leuten zu verkehren hat! Du stehst hier auf meinem Grund und Boden.«

      »Oder auf dem meinigen! Weißt Du, wer ich bin? Kennst Du mich?«

      »Nein, habe aber auch gar kein Verlangen darnach. Trolle Dich von dannen!«

      »Ganz, wie es mir beliebt! So höre: ich bin Prinz Hugo, dem das Schloß dort gehört!«

      Der Müller erschrak doch ein wenig, faßte sich aber sofort wieder.

      »Das glaube, wer da will, ich aber nicht. Ein königlicher Prinz stellt keinem braven bürgerlichen Mädchen nach!«

      »Zuweilen doch, wenn es ihm Vergnügen macht. Ich verlange meinen Kuß. Erhalte ich ihn, so bin ich bereit, Dir zu vergeben.«

      »Meine Tochter küßt keinen Andern als Den, der ein Recht auf ihre Liebe hat. Und zu vergeben haben Sie mir nicht das Mindeste. Sind Sie wirklich Prinz Hugo, so zolle ich Ihnen gern die Ehrerbietung, welche ich Ihnen schuldig bin, kann aber nicht dafür, wenn Sie sich so verhalten, daß diese Ehrerbietung unmöglich ist.«

      »Oho! Ich bin Dein Herr, und werde Dir zeigen, wie Du Dich zu verhalten hast!«

      »Das weiß ich auch ohnedies. Ich fürchte Gott, thue recht und zahle meine Steuern; mehr kann Niemand verlangen, und mein Kind lasse ich mir nicht beleidigen und schimpfiren.«

      »Beleidigen? Schimpfiren? Mensch, kann es eine größere Ehre für Dich und Deine Tochter geben, als wenn sie mir gefällt?«

      »Danke für diese Ehre! Königliche Hoheit, trinken Sie Ihre Milch, wie es sich gehört, und Sie werden mir stets willkommen sein; sonst aber muß ich mir Ihre Gegenwart verbitten.«

      »Ganz wie Du willst; aber Du sollst an mich denken!«

      Er bestieg sein Pferd und ritt davon. Sein Weg führte ihn die Burgstraße empor, welche in zahlreichen Krümmungen und Windungen zur Höhe stieg und zuerst an dem Nonnen- und dann am Mönchskloster vorüberführte. Einige hundert Schritte noch über dem letzteren lag ein kleines Kapellchen. Es enthielt ein Marienbild, welches wegen seiner Wunderthätigkeit weithin berühmt war und jährlich zweimal den Zielpunkt außerordentlicher Wallfahrten bildete. Dann herrschte ein sehr reges Leben auf dem Berge, welcher sich in einen ungeheuren Meß- und Belustigungsplatz verwandelte. Die Herren Patres gaben der heiligen Mutter Gottes ihre Erlaubniß, irgend ein in die Augen fallendes Wunder zu verrichten, verkauften Rosenkränze und Heiligenbilder und vertauschten ihren Segen gegen klingendes Metall, welches reichlich einzufließen pflegte.

      Jetzt war die Straße und das Kapellchen leer, und nur hinter dem letzteren ertönte eine Stimme, welche Befehle zu ertheilen schien. Der Prinz lenkte sein Pferd um das kleine Gebäude herum und erblickte einen ungefähr sechzehnjährigen Knaben, welcher einen vor ihm sitzenden Hund Kunststücke zu lehren schien. Dabei aber war er noch bei einer zweiten Beschäftigung, welche allerdings sehr eigenthümlich genannt werden mußte.

      Der Hund hatte den Prinzen bemerkt und knurrte. Der Knabe wandte sich um und erblickte den Reiter, ließ sich aber in seiner Arbeit nicht im mindesten stören. Es schien nicht diese Arbeit allein, sondern noch etwas Anderes zu sein, was den Prinzen frappirte. Er lenkte sein Pferd hart an den Knaben heran und frug mit barscher Stimme:

      »Kerl, was thust Du hier?«

      Der Gefragte hielt es


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