Uncountry. Yanara Friedland
Читать онлайн книгу.betrifft das gesamte System, nur die Augen nicht. Sie hebt ihren Becher, ihr einziger Diamant funkelt. Der Mann in der Küche, ihr Kleid im Türrahmen. Sie erinnert sich an die meisten Dinge, die danach passiert sind, und an fast nichts davor. Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die lässt sich nicht klinisch belegen; sie hält Vorzeitliches und Künftiges auf gleicher Distanz. Und Sprache selbst mahlt nur den Klang. Sie steht still da; für einen Augenblick von zittrigem Nichts umfangen. Ihre Hände treiben im Spülwasser. Sie kann ihren Schweiß im Nacken und in den Achseln riechen. Ihre Hände schlagen Wellen. Ein Tropfen fällt vom Hahn, und der abgeplatzte Lack ihrer Nägel sinkt mit eingeweichten Pfannen. Es ist einfach, immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen. Zu essen, bis die Welt verschwindet. Welchen Zweck hat der Kühlschrank all die Jahre? Der Mann lehnt sich an den Türrahmen, seine Lippen sind schief und seine Hände klein. Dass sie jemandem ähnlich sieht. Und sein Lachen berührt ihre Haut. Dass sie den Krieg überlebte, auf der sicheren Seite. Der Seite, die keine Schüsse vernahm, nur zwischen den Zeilen des Gebets. Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die beginnt mit Genuss, mit zu viel Schlaf oder dem Reiben der Füße gegeneinander. Die Frauen sprechen oft davon, dass ab einem bestimmten Alter das Haar nicht mehr über die Schultern wächst, ohne ungesund zu wirken. Brombeer und Rhabarber. Seine Schuhe quietschen auf dem Linoleum. In der Ecke liegen ein paar Murmeln, die die Kinder hinterließen. Worte pendeln zwischen Körpern und ziehen wieder fort, um die Peripherien der Schulhöfe zu bereisen, Ränder des Lichts. Es ist einfach, immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen, als hisse man die Flagge für ein unbekanntes Land, das das eigene ist. Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die nur für Scham sprechen kann. Das Kleid ist fort. Sie steht auf der Veranda, auf dem Rasen, vor dem Haus, neben dem Briefkasten. Sie schmirgelt sich durch Schichten und flickt die Oberfläche mit farbig glasierten Tafeln. All ihre Brüder, ein Zweig von fünf Söhnen, nahmen andere Nachnamen an, um der russischen Armee zu entgehen. Sie steckt ihre Finger in die Rose hinein. Alles wird erloschen sein, selbst die Feuerstellen. Und die Maulbeerfeige und die Ermordeten unter der Erde. Die Zeit wird aussterben. Sie streichelt die Rose, und die Rose streichelt sie. Ihre Finger sind in der roten Kuppel gefangen. Sie schaut nicht auf, der Himmel erschöpft sie. Es gibt eine Form von Gedächtnisschwund, die lässt sich nicht klinisch belegen, beginnt jedoch mit dem Kneten einer knospenden Mädchenbrust und einem Lebensabend in Florida. Ihre Enkelinnen werden schließlich je eine eigene »Heimat« bestimmen. Die eine geht nach Deutschland, die andere in den tiefen Süden, die dritte kommt zu Geld. Sie lauscht der Schwalbe, oder ist es ein Wanderfalke? Und schüttelt dann ihr Handgelenk über einem Teppichmuster aus.
Im Garten ein Schuppen. Und in diesem Schuppen schlief ich einst und wachte mehrmals auf des Nachts, und Kälte saß mir in den Füßen, den Hüften. Der Schuppen stand weitab vom Haus. Geschütztes Gerät. Harken, die ich im Herbst hielt und mich schund für all das Laub, das herunterkam und zum Hügel gerecht werden musste. Und in dem Schuppen Laubsäcke; die nasse Fäulnis beduftet die Dunkelheit. Der Schuppen birgt Gläser und Dosen mit sauren Schoten, Roten Beeten von unzähligen Sommern. Ich war hungrig, jedes Glas verschlossen. Ich ließ eins nach dem anderen fallen. Lief über die Scherben, näherte mich dem Boden mit dem Mund, tauchte Lippen und Zähne in Glas, in die versprengten roten Herzen.
Im Schuppen zu schlafen war so kalt wie auf dem Hügel am Holunder.
Immer kurz vorm Krankwerden. Immer kurz vorm Schnürsenkelkauen.
Im Schuppen war ein Mädchen, das mich zu verfolgen begann, nachdem ich die Gläser zerschlagen hatte. Die langen Zähne brachen ihr aus dem Mund, die düsteren Totenaugen, die Glasknochen klingeln.
Sie schoss herab wie ein Falke. Schrie raus, raus. Zog meine Füße am helllichten Tage über die Felder zum See. In den See.
Das Mädchen nuschelte wie die Bäuerin, die einmal die Woche Milch brachte. Bei so vielen fehlenden Zähnen. Das Mädchen mochte keine Milch, weil es wusste, dass die Bäuerin sie berührt hatte.
Ich dachte, wenn ich mich lange genug in Kuhlen, Kerben, Kammern kauerte, fiele es dem Mädchen schwerer, mich zu finden. Aber es tauchte am Esstisch auf, floss aus der Leitung und flutete Toiletten.
Das Mädchen auf Schritt und Tritt.
Falken des Nordens, stieß sie hervor. Ich hieß sie schweigen und querte die Klippen.
Die Tage waren gewaltige Körper, die sich zu Wäldern bogen.
Aus ihrer Kehle wuchs Gestrüpp und krabbelndes Getier. Ich wollte sagen, ich bin durstig, aber die Worte glitten zurück.
Das Mädchen lauerte, lungerte, tänzelte nachts, bis wir beide einschliefen im Lied des anderen. Sie zeigte mir kreisrunde Drachen. Draußen in den Rosenbeeten. In den Auen.
Komm zu den Auen.
Im Jahr, als der Garten überfallen wurde, tanzte das Mädchen um mein Vertrauen. Sie schwor im Flüsterton. Spielte Geige für mich. Wenn wir blieben, könnten wir einen Vater und eine Mutter, ein Land und ein Stück Himmel haben.
Wer zuerst spricht, würde seine Welt verlieren.
Und so nahm ich die Herzklappe und aß sie. Ich nahm das Schienbein und bläute es. Ich übte schwere Tage, kurze Tage, ungeduldige Tage. Als ich endlich krabbeln konnte, fragte ich meinen Gott, warum er mich elend gemacht.
Schütze das Herz wie eine Blockhütte vor Sturm. Puste hundert Mal. Laubblätter stieben in alle vier Winde. Senfgelbe Erde. Ich wusste, dass die Namen der Farben immer an den wahren Farben versagen würden.
Ich nannte sie Cold Ribbons. Sie nannte mich Lamenta.
Im Januar fuhren wir in die Berge. Mutter, Vater, ihre Freunde, deren Kinder. Wir fuhren zusammen Ski. Ich wusste nicht, wohin ich meine Hände legen sollte, wenn ich nicht Ski fuhr. Wir tranken heiße Schokolade. Cold Ribbons schrieb Postkarten. Die anderen Kinder spielten außer Sichtweite. Einmal traf ein Schneeball das Fenster, hinter dem ich saß. Ich schwitzte in meinem Schneeanzug. Ein Junge mochte ein Mädchen. Ich hatte eine schlechte Haltung und kurzes Haar. Nachts hielt Cold Ribbons meine Hand.
Jede Nacht pfiff sie und erzählte mir Geistergeschichten, die ich nie hören wollte.
Ich wollte Cold Ribbons den Fluss hinuntertreiben sehen und rufen hören: »Zieh deine Stiefel aus, Lamenta, und schwimm!«
Manchmal spielten wir zusammen; es gab keine anderen Kinder. Sie erfand Spiele, die Tage dauerten. Eines Morgens saß ich an einem Baum und sang vor mich hin. Cold Ribbons schwang sich von einem Ast herab und fing an, ein großes Marmeladenbrot zu essen. Als sie den letzten Bissen hinunterschluckte, fragte sie mich, ob ich Hunger hätte. Ich schüttelte heftig den Kopf. Sie lächelte und leckte sich die Finger.
Es gab einen Wind, der sich um mich kümmerte, mich an diese Orte brachte. Cold Ribbons musste man endlich loswerden.
Also schloss ich einen Pakt im Schuppen. Cold Ribbons zitterte in der tiefsten dunklen Ecke. Ich bellte in die Kälte hinein, schlug ein paar Gurken aus dem Regal. Draußen fuhr ein Auto vorbei; das war unwichtig, aber ich nahm es trotzdem wahr.
Immer waren wir auf der Suche nach Fisch, Zucker und kostbaren Steinen. Manchmal hatte ich Worte, manchmal hatte ich keine. Einmal gab es einen zeitlosen Schacht, ein Tal der heimatlosen Klagen. Wo soll man anfangen, wenn man die Geschichte nicht kennt?
Mimi las die Bücher rückwärts. »Fang mit dem Ende an«, befahl sie mir.
In jenem Herbst fand ich zuerst ein Taubenbein und später einen Flügel.
Luft zog mir um die Lenden. Ich ging dahin, wo ich nicht hingehen sollte. Die Laubblätter taumelten gen Himmel. Über unseren Köpfen braune Karussells.
Eines Nachts, das Haus lag im tiefsten Schlaf, weckte mich eine Hand, zerzauste mein Haar. Ich wusste, dass es Mimi war, bevor ich die Augen aufschlug.
Sie sagte, die Eiszapfen an den Bergwänden seien zu Engeln geworden.
Sie sagte, sie könne das Mädchen loswerden.
Mimi