Uncountry. Yanara Friedland

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Uncountry - Yanara Friedland


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      Gustav Mahler, Das Lied von der Erde. Deine höchste Angst und deine tiefste. Ein Hohlraum öffnet sich, und Fluten kehren ins Meer zurück. Du wirst auf ein Leben des Fremdseins blicken.

      Er mochte es, still in einer Landschaft aus Kissen und Strömung zu liegen. Oder in Badewannen, mit einem Kriminalroman. Im Ehebett. Sich aus einer dunkleren Zeit ins Blumenmuster zu fliehen.

      Sein Knie lässt ihn im Stich, als sie an die Helme kommen, Vera Hagel hat Fieberbläschen am Mund. Die Sonne ein Schmerz. Lebe mit gleißender Qual. Lebe mit ihrer Rückkehr. Die Helme ist ein Fluss, der die Zorge und die Thyra aufnimmt, an Nordhausen vorbeiführt, nahe dem damaligen Konzentrationslager Dora. Stromab wird die Helme durch die Talsperre Kelbra gestaut und fließt von dort südöstlich an Nikolausrieth vorbei, bis sich ihre Wasser in die Unstrut ergießen, einen Fluss, der das Weinbaugebiet Saale-Unstrut prägt. Heute ist es bekannt für den Rotkäppchensekt, hergestellt in den Kellern von Freyburg.

      In einem Traum: seine Füße. Ein Zehennagel fehlt, ein anderer ist blau, dann dicke Adern über dem Berg, dann fort.

      In Walkenried beschließen sie, die bergigere Südstraße zu nehmen, um Bad Sachsa zu umgehen, eine Hochburg der NSDAP-Führungskräfte. Die Kinder des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg sind hier im Borntal verwahrt, unter dem falschen Nachnamen Meister. Jahrzehnte später zog meine schwangere Mutter in eine Wohnung in der Stauffenbergstraße, im damaligen Westberlin. Die Wohnung befand sich im Bendlerblock, mit Blick auf jenen Innenhof, in dem Stauffenberg und drei weitere Hitlergegner kurz nach Anbruch des 21. Juli 1944 erschossen worden waren.

      Es existiert. Vielleicht. Es existiere, sagtest du.

      Die Südstraße führt nach Wieda hinauf, und sie müssen über 750 Meter klettern, bevor sie die Waldsiedlung erreichen. Kinder laufen ihnen hinterher auf den leeren Straßen; ein von zwei Pferden gezogener Wagen voller Soldaten fährt vorbei.

      »Der erste tote Soldat, den ich sah, lag mit ausgestreckter Hand im Gras, das Gold des Eherings funkelte in der Sonne. Um seinen Mund herum Fliegen. Papiere wirbelten herum.«

      Ein paar Briefwechsel im Januar und Februar. Er fragt nach Schnürsenkeln, bestätigt die Ankunft der Lebensmittelkarten, trauert um den Verlust eines Taschenmessers. Es besteht kein Zweifel: Er ging an eingestürzten Brücken vorbei, an Häusern ohne Dach, an Frauen, die den Bürgersteig fegten.

      »Russische Soldaten öffneten Kondensmilchdosen mit ihren NR-40-Messern.«

      Gewisse Dokumente sind nicht zu finden.

      Sie erwachen von einem Geräusch, einem Knall wie aus einer Pistole, abgefeuert aus einem Aloe-Blütenstand, auf dessen Spitze eine prächtige Blume thront. Er schaut in die Blüte und sieht Ähren aus Gold, sieht die Geburt von Duft.

      Oberharz. Unterharz.

      Wir wollen ihnen ungemein gefallen, unseren unbekannten Toten.

      Ich habe Angst vor ihm, so bezaubert er mich.

      Drei Fakten: Viermal kam er raus aus dem Panzer, lebendig. Bakterielle Ruhr rettete ihn vor der russischen Front. Das ist viele Väter her.

      Wer geht, wird wieder zum verlorenen Sohn. Ausziehen, versündigen, zurücklassen. Rückgewinnung des Abstands. Der Ankunft.

      Marschland, Basalt, nistende Schwäne, Wäscheleinen. Millionen Deutsche werden im Januar 45 aus den Ostgebieten gen Westen getrieben. Jeder Treck ein Todesmarsch. Im Sommer vertreiben Tschechen die deutsche Minderheit aus dem Sudetenland nach Österreich, bekannt als der »Brünner Todesmarsch«. Noch später im Jahr ziehen viele Tausend zivile Flüchtlinge aus der russischen Besatzungszone fort.

      Es scheint, als sei im Jahr 1945 eine der größten Fluchtbewegungen der europäischen Geschichte zu Fuß zu Tode gekommen.

      Im Frühjahr Bomben, Spannung in geschlossenen Blüten, prall mit Spuren von Purpur. Fleckige Veilchen gehen auf; die kleinen »Stiefmütter« unter ihnen wirken immer giftig. Seine Lieblingsblumen, so stellt man sich vor und glaubt es dann, sind Felder von Margeriten.

      Im Graben: Schlamm, himmelblaue Federn (oder etwas Himmelblaues), eine Langston-Hughes-Zeile (von all den möglichen Zeilen): »Can you love an eagle tame or wild?« In der Ferne ein Zittern, hartleibiges Lachen, das Geräusch von tieffliegenden Drohnen.

      1944 begannen die Arbeiten an der Helmetalbahn, einer Bahnlinie zwischen Nordhausen und Walkenried. Von den Bauern war der nötige Grundbesitz beschlagnahmt worden. Für die Dammschüttungen und Rodungen erhielten die Häftlinge des Außenlagers Dora Schubkarren und Schaufeln.

      Als sie Walkenried passieren, war das Projekt Helmetalbahn schon aufgegeben worden. Die meisten Häftlinge hatte man aus dem Lager Dora weg auf Todesmärsche geschickt.

      Fachwerkhäuser brechen aus den sanften Hügeln hervor. Stundenlang sitzt er auf einem Stapel frisch geschlagener Hölzer; sein linkes Knie pocht heftiger als sein Herz. Ein trockener Husten hallt gegen den Bergrücken. Ein Augenblick Nichts. Was nun?

      Der Brief ist in einem Umschlag verwahrt und dieser mehrfach gefaltet.

       Noch Krieg hier

      Warum ist er stark, wo nimmt er das her, was wird er damit machen?

      Über dem nie entfachten Kamin sein Gesicht aus der Kriegszeit. Volle Uniform, Beine übereinandergeschlagen, Gesicht im Halbprofil vor einer Fensterfront. Auf dem Tisch neben ihm eine Pflanze, eine Untertasse und ein gebeugter Bronzeengel.

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