Uncountry. Yanara Friedland
Читать онлайн книгу.trommelten durch die Bretterwand, die Gläser bebten.
Taktvoll sprach ich durch das dunkle Zepter, eine Blende des erlöschenden Blicks.
Das Mädchen umklammert die Harke. Sie bettelte; zu spät, zu spät. Ich hätschelte ihr Herz. Durch dünne Kleidung.
Fütterte Glas, fütterte Gestirne, fütterte Mimi mit Zukunft.
Die Liebesgeste war vorbei, Cold Ribbons und ich sahen uns nie wieder.
Kaum war das Mädchen weg, sagte Mimi, ich könne jetzt gehen, wohin ich wolle. »Da draußen vergeht die Freiheit über dem Atlantik und für den Atlantik«, sagte sie. »Du kennst das Leben erst, wenn du es aus seinem heimatlosen Körper getrieben hast.«
Es schneite. Im Garten streunten entlaufene Katzen. Es gab keinen Grund mehr, beim Schuppen, bei den Äckern und den Laubblättern zu bleiben.
Sie pflückte drei Feuer, durchbohrte die Ferne mit stoischem Blick und schrie: Ho Wüste, nun wirst du keine Namen mehr haben da draußen!
Bring die verwaisten Welten zu Atem.
Wir singen Asche Asche. Ash Ash.
GESCHICHTE DES ATEMS
Prolog
Die Lehmstadt liegt östlich vom Lehmgebirge. Die Arbeiter der Lehmstadt gewinnen dort den Lehm. Hanni baut lange Lehmgabeln und Schuppen für Lehmgabeln zum Schutz vor Schlamm. Er schlägt oft hin, mit dem Gesicht nach unten, und wird über den Tag zu einer lebenden Skulptur. Hanni ist schlecht gebaut, und die Lehmstadt ignoriert sein tönendes Manövern, seine Momente hysterischen Lachens, die endlosen Reihen von Gabeln in kollabierenden Gefügen am Lehmberg. Ein Laubsturm hat einen gelben Teppich über die Lehmstadt gelegt. Als die Laubblätter anwirbelten, hielt Hanni mit dem Selbstlauten inne und starrte – das erste Mal in seinem Leben – zur Krähenstunde in den kecken Himmel. Die Krähen gafften vom blauen Saum des munteren Himmels; schwarze Schallsprenkel, die sich zu Gebilden formierten, die Hanni Schwolken nannte. Mit seinen Lehmgabeln versuchte er, die Schwolken zu zerstieben, konnte sie aber nicht erreichen, fiel rückwärts in einen Graben. Schlief ein. Als Hanni erwachte, spürte er ein Klatsch Klatsch am Kopf; er konnt sich nicht erheben, konnt nichts sehen. Er schrie, aber es fielen nicht Selbstlaute aus dem Mund, er schluckte vielmehr eine Menge Schlamm. Es war finster, aber Hanni war in der Finsternis nie wach gewesen und wusste nicht, was das war, schrie also abermals. Mehr Schlamm quoll den Rachen herab. Hanni wollte schreien, aber der Schlamm in seinen Augen lag in trockenen Schichten, und so rollten die Tränen in seinem Kopf. »Hanni, gehst du heute zum Berg?« Hanni weiß nicht, warum er die Stimme seiner Mutter vernimmt. Hier ist sie nicht, unter all dem nassen Knarz. Er kennt diesen kalten Klump, weiß, wie er glitscht und härtet, unter den Fingernägeln bleibt und sie dunkelt. Er hört gedämpfte Stimmen, spürt dann ein Gewicht auf dem Gesicht. Der Knarz drückt ihm in Poren und Nasenlöcher. Er kann nicht atmen, schluckt noch mehr davon. Das Gewicht ist weg. Klatsch klatsch, vernimmt er von oben. Hanni sorgt sich um seine Lehmgabeln. Im Laubsturm war er zum Berg gelaufen; seine Gabeln müssen oft angefasst werden, sonst werden sie hart oder weggeblasen oder wieder zu Knarz. Hanni denkt nie, aber es scheint, dass das jetzt schon lange so geht, unmöglich, grt grt. Mehr Tritte, Hanni, hört, oh, Hahnemann, oh Diester, oh oh, Hanni krümmt sich, schluckt noch einen Mundvoll, den Rachen runter, er wimmert uuli uuli uuli. Das ist alles, was ihm bleibt, schlucken, was ihn bedeckt, sich zur Welt hinschlucken.
I. Abraham
Ein Mann zieht umher/ Ein Mann gehört nicht dazu/ Ein Mann ist staatenlos/ Ein Mann sucht Land/ Ein Mann spricht mit sich selbst/ Ein Mann kennt einen Gott/ Einem Mann wird verheißen/ Ein Mann braucht einen Erben/ Ein Mann verstößt seinen Sohn/ Ein Mann folgt einem Befehl/ Ein Mann steigt auf einen Berg/ Ein Mann opfert/ Ein Mann glaubt/ Ein Mann ist absurd/ Ein Mann wird ein Stamm/ Ein Mann ist der Anfang/ Ein Mann bringt einen Widder dar stattdessen/ Ein Mann wird berufen
Umherziehen
Sein Gesicht entwuchs einem Hals. Stummgewaschenes Feuer. Der Harz, das dichteste und höchste Gebirge im Norden Deutschlands, ein Herz, durch das man fährt von Ost nach West. Niemand schlug in diesen letzten Monaten eine andere Richtung ein. Seine Uniform, seine Stiefel im März 1945. Sein hageres Gesicht über Waldschneisen; nach dem Krieg würde er Jäger werden. Deutschland gleicht zu diesem Zeitpunkt einem Kessel, oder einem See, einem leeren Magen. Landkarten kollidieren, küssen Wangen und brennen dann an den Ohren.
Der Harz Ende März. Krokusse umstehen das Immergrün. Die Frontlinien verlaufen jetzt auf deutschem Boden. Kübelwagen, VW Typ 82, können auch langsame 4 km/h fahren, im Schritttempo marschierender Soldaten. Hitler rief zum Volkssturm auf, sein Vorbild der preußische Landsturm. Ein anhaltendes Tauen legt die Felder frei. Er soll sich in Neustadt seiner Einheit anschließen. Der Zweifel starrt ihn an, vermutlich in einer Scheune. Er stiehlt sich über Hügel hinweg in den Wald. Der Bauer wird ihm schon eine Jacke geben und einen Liter Milch. Er konzentriert sich ganz auf den unebenen Boden, die Sträucher, Wurzeln, Baumgerippe. Kein Tier fiept oder flötet. Der Winter, einer der strengsten Deutschlands in jenem Jahrzehnt, hatte alles verstummen oder verhungern lassen.
Auf einer Lichtung zieht er sich aus; die Orden pendeln, und kurz flackert Licht über seinen Strichmund, die Lippen dünn vom wochenlangen Schweigen. Ins Gras fallen Panzerjacke, Feldbluse, Stahlhelm und Lederhandschuhe. Das Kleinkaliber wirft er in den Rucksack. Ein schmaler Mond, schmal wie ein Eiszapfen, wandert zwischen spitzwinkligen Fichtenkronen. In diesen letzten Monaten des Krieges, oder in diesen letzten Monaten der Bedrohung, oder in diesen letzten Monaten der Wachsamkeit.
Er verscharrte seine Uniform oder er verbrannte seine Uniform. Er verbrennt seine Uniform im Wald und macht sich auf seinen langen Weg. Später würde er sich weigern, zu Fuß irgendwohin zu gehen, würde sagen, er sei genug marschiert, das reiche für ein ganzes Volk. Später würde er nicht viel sprechen über diese drei Wochen durchs Land. Fahnenfluechtig. Infanterist. Sturmgeschuetzfahrer. Er behält nur seine Stiefel.
In Harzungen trifft er eine Frau mit einem Koffer und fragt sie nach dem Weg gen Westen. Sie lässt den Koffer fallen und sagt: »Den kannst du tragen.« Sie hat eine Straßenkarte der Region, aber er sagt ihr, dass er Straßen meiden, stattdessen querfeldein laufen oder Chausseen nehmen wird. Später wird betont werden, dass ihre Beziehung nicht amourös war, nicht intim. Dass er über die nächsten paar Jahrzehnte ihren Namen vergessen würde. Zunächst aber war bekannt, dass er mit einer Frau namens Vera Hagel über Land zog.
Er trägt ihren Koffer. Sie sagen, sie hätten am sechsten Tag des Juni 1944 im Thueringer Wald geheiratet. Sie läuft ein paar Meter hinter ihm. Er weiß, dass er mit ihr an seiner Seite weniger verdächtig wirkt. Der Koffer ist schwer, bald wirft er ihn in einen Graben, ohne Blick zurück.
Eine Pfütze zittert an den Rändern. Moor und Heide. Dicker Morast und ein wortloses Geräusch der Sohlen, die versinken und sich heben. Sie brechen früh auf, mit dem Nebel. Zartdunstig drückt er sich am Boden entlang.
In den ersten Nächten schlafen sie in Fichtenwäldern, reich an Moosen, mit spärlichem Licht. Vera Hagel stellt nicht viele Fragen, und man wundert sich, dass sie einem Mann vertraute, dessen Mund oft mit dem Maul einer gähnenden Wildkatze verglichen wurde. Sie gehen mindestens 25 km am Tag durch das Bodetal. Vera Hagel beschließt, an Türen zu klopfen. Er hat Glück mit Fröschen und schafft es einmal fast, einen Schwarzstorch zu erlegen. Aber die Kugel trifft nur den großen gefingerten Flügel, und der im Tiefflug über die Ufer gleitende Storch stürzt ab, wird zügig vom Fluss fortgetragen.
Azur-Astern,