Prinz Albrecht Straße. Will Berthold

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Prinz Albrecht Straße - Will Berthold


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noch nicht gekommen. Die Zeit rann wie durch eine Sanduhr. Er starrte auf die Buchtitel.

      Dann sah er den Mann mit den hängenden Armen, der so über die Straße schlenderte, als wäre er gewohnt, mit den Füßen zu treten statt zu gehen. Im Spiegelbild sah das alles noch verzerrter aus. Hier verfolgte Werner Stahmer, wie der Bursche langsam von hinten auf ihn zukam. Er erfaßte sofort: das muß er sein. Typen dieser Art kannte er. Sie gehörten zum Reichssicherheitshauptamt. Sie waren in den Verhörkellern zu Hause. Und wenn sie Karriere machten, hatten sie sich mit den Fäusten zum Tageslicht durchgeprügelt.

      Der Mann trat ganz dicht an ihn heran, musterte ihn ohne Vorsicht von der Seite. Anfänger, dachte Stahmer wütend. Dann sagte er leise: »Heimweh.«

      »Georg«, erwiderte der Mann das Kennwort.

      »Sind Sie sicher, daß Ihnen niemand folgt?« fragte Stahmer halblaut.

      »Absolut.«

      Stahmer nickte leicht mit dem Kopf. Dann gingen sie nebeneinander her. Der Komplice zog eine Hand aus der Tasche, die Knöchel waren dunkel gerötet. Der Agent spürte vom ersten Moment an, daß er Georg nicht mochte. Er war einer dieser Kerle, die man nach dem Zusammenbruch zu Hunderten hängt und, falls man es versäumt, später zu Tausenden für das alte Unrecht mit Renten ausstatten wird.

      »Was wissen Sie?« fragte Stahmer.

      »Nichts Genaues«, erwiderte der Helfer.

      »Sprengmaterial haben Sie mit?«

      »Ja.«

      Sooft ihnen Menschen entgegenkamen, schwiegen sie.

      »Sie kennen das Hotel?«

      »Ja.«

      »Seien Sie Punkt neunzehn Uhr da. An der Hinterfront. Sie benutzen das Postauto. Fahren aber nicht ganz heran. Ich stehe am Fenster und gebe Ihnen mit der Taschenlampe ein Lichtzeichen. An dem Seil, das ich herablasse, ziehen Sie sich hoch … das muß ganz schnell gehen … klar?«

      »Ja«, entgegnete Georg.

      »Haben Sie eine Waffe bei sich?«

      »Selbstverständlich.«

      »Sie werden sie nicht benutzen«, versetzte Stahmer drohend.

      Der Komplize nickte verdrossen. Er war groß und breit. Seine Stirn war klein und fliehend. Sein Blick unstet. Wie mag es erst in seinem Kopf aussehen? überlegte der Agent.

      »Um neunzehn Uhr geht unser Mann üblicherweise nach unten … Ich habe einen Nachschlüssel. Wir schleichen uns in sein Zimmer … Sie bringen die Höllenmaschine an … Zündung eine Stunde später … Dann gehen wir so lange in mein Zimmer, bis Formis zurückkommt … Wir werden ihn mit Chloroform betäuben … Das muß ganz schnell und lautlos gehen … kapiert?«

      »Ja«, antwortete der Mann namens Georg grinsend.

      »Wir fahren sofort los … erst im Wagen wird er gefesselt und geknebelt … Noch eine Frage?«

      »Ja … Ich brauche zwanzig Minuten für meine Bombe … was passiert, wenn der Mann in der Zwischenzeit hochkommt?«

      »Er kommt nicht hoch«, erwiderte Stahmer kalt, »das Mädchen wird auf ihn aufpassen …«

      »Was für ein Mädchen?« entgegnete der Bulle.

      Seine wasserblauen Augen wurden rund und hohl wie Pistolenläufe.

      »Braucht Sie nicht zu kümmern«, antwortete Stahmer knapp. »Sie ist von der Zentrale mitgeschickt.«

      »Mädchen sind ja sonst ganz schön«, maulte der Bursche, »aber bei so was … nee …«

      »Geht Sie nichts an«, versetzte der Agent. »An der nächsten Ecke trennen wir uns langsam … Punkt neunzehn Uhr …«

      Werner Stahmer wirkte fast erleichtert, als er von dem Helfer weglief.

      Viel lieber wäre es ihm, er könnte sich so rasch von seinem Auftrag entfernen …

      8

      Achtzehn Uhr siebenundfünfzig. Das Zifferblatt leuchtete fahl. Stahmer starrte auf das linke Handgelenk. Sein Puls pochte schneller als der Sekundenzeiger. Das Herz ging vor. Der Agent wußte, warum. Über ihm saß der Mann, über dem die Falle zuschnappen mußte. Er war noch immer in seinem Zimmer. Jeden Abend war er um diese Zeit schon unten, um zu essen.

      Stahmer fühlte Schmerz an seinen Schläfen. Er hatte das Licht im Zimmer gelöscht. Auf dem Sims lag die Taschenlampe. Das Fenster war angelehnt. Die Schneefläche hinter dem Haus schimmerte bläulich. Die Nacht hatte aufgeklart. Manchmal schleifte der Mond unter treibenden Wolken ein fahles Leichentuch über das Feld.

      Der Agent drehte sich um. »Sie gehen jetzt nach unten«, sagte er zu Ira.

      »Ja«, erwiderte die junge Frau.

      »Also, von einhalb acht bis mindestens fünf vor acht darf er unter keinen Umständen nach oben …«

      »Ja.«

      »Ist ja bald vorbei«, beteuerte Stahmer.

      Als Ira gegangen war, durchdrangen seine Augen wieder die Dunkelheit. Die Straße verlor sich im nächtlichen Schatten des Waldrandes. Der Agent glaubte, die Silhouette eines wartenden Mannes zu erkennen, bis er sich an den hohen Gemarkungsstein erinnerte. Er riß die Augen los, lauschte im Haus. Unten klapperte Geschirr in der Küche. Dann knarrte die Treppe. Er hielt den Atem an. Eine Täuschung, nichts weiter.

      Warum geht Formis nicht nach unten? überlegte Stahmer verbittert.

      9

      Achtzehn Uhr neunundfünfzig. Die Phosphorzeiger der Armbanduhr flimmerten. Rudolf Formis schraubte langsam den Füllhalter zu. Sein Blick glitt über die letzten Zeilen des Manuskriptes. Dann rieb sich der Mann mit dem feinen Gesicht die kurzsichtigen Augen. Er warf einen Blick auf die Ecke mit den Aggregaten des Senders. Daneben stand ein Wecker. Neunzehn Uhr vier. Formis schreckte auf. Gerade noch Zeit zu essen.

      Der Stuhl schlürfte über den Holzboden. Der Emigrant drehte an zwei Schaltern. Ein rotes Glühlämpchen leuchtete auf. Die Röhren seines Senders wurden vorgewärmt. Dann rüttelte Formis am Fenstergriff. Wie üblich überprüfte er den Verschluß. Als er die Vorhänge noch dichter zusammenzog, wanderten seine Augen über das Schneefeld hinter dem Haus.

      Wie friedlich, dachte er, als für einen Augenblick die Wolken die mondglänzende Schneelandschaft freigaben. Aber er wußte, daß dieser Friede keinen Platz für ihn hatte, daß auch dieser einsame, verlassene Fleck Erde an der Moldau für ihn zur belagerten. Festung werden konnte. Denn wo Formis ging und stand, lebte er im Kampf gegen das Unrecht, im Krieg gegen Hitler.

      Auf einmal empfand der einsame Mann eine wehmütige Sehnsucht. Er möchte aufhören mit dem Kämpfen. Er möchte nicht mehr Rufer in der Wüste sein. Er möchte … wie der Mann, der sich jetzt dort aus dem Schatten des Waldrandes löste, Feierabend haben, nach Hause gehen, wo Frau und Kinder auf ihn warten.

      Dann wurde sein schmaler Mund scharf und streng. Für diese Menschen tust du es ja, sagte sich Formis, damit sie ihren Frieden behalten, ihre Arbeit haben, den Feierabend genießen, damit die Freiheit nicht ausstirbt auf dieser Welt …

      Woher sollte er wissen, daß der Mann auf der Straße, Georg, den er so sehr beneidete, etwas ganz anderes suchte als Frieden, Frau, Kinder und Freiheit?

      Mit gebeugtem Rücken verließ Formis sein Zimmer. Manchmal glaubte er, die Bürde, die er für andere trug, nicht mehr aushalten zu können.

      10

      Die Zeiger sind bis neunzehn Uhr sieben vorgerückt. Das Schicksal, das Formis von seiner Bürde fürchterlich entlasten sollte, versammelte sich im Haus. Eine Taschenlampe flackerte Kainszeichen in die Nacht. Ein Fenster ging ganz auf. Schnee knirschte. Das Seil wand sich über das Fensterbrett wie eine Schlange. Stahmer beugte vorsichtig den Kopf vor.

      Unten


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