Gesammelte Werke von Joseph Roth. Йозеф Рот

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Gesammelte Werke von Joseph Roth - Йозеф Рот


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ging nieder, weißgekleidete Frauen ließen ihre rundgezackten weißen Unterröcke sehen, es war wie ein zweiter Sommer aus Leinwand.

      Über hellen strahlenden Kleidern wölbten sich schwarze Schirme. Alles sah aus wie eine traumhafte, etwas überstürzte, nasse Totenfeier.

      Tunda wurde hungrig, vergaß, daß er kein Geld hatte, und trat in eine Weinstube. Als er die Preise auf der Karte sah, wollte er wieder hinausgehen. Drei Kellner verstellten ihm den Weg.

      »Ich habe kein Geld!« sagte Tunda.

      »Bitte nur den Namen«, sagte der Kellner.

      Als er seinen Namen nannte, wurde Tunda als Herr Kapellmeister behandelt.

      Sein Bruder begann ihm zu imponieren.

      Ein buckliger Mann trat in das Lokal, gedrückt, krank, mit flehenden Augen und furchtsam zitternden Beinen schlich er von Tisch zu Tisch und legte überall einen Zettel hin. Er tat es wie eine geheime Sünde.

      Auf dem Zettel las Tunda:

      Tanz und Gymnastik.

       Schulung des Körpers: Entspannung – Spannung,

       Elastizität, Schwung, Impuls, Gehen, Laufen,

       Springen, Eurhythmie, Raumgefühl, Choreographie,

       Harmonielehre der Bewegung, ewige Jugend,

       Improvisationen zu Musikbegleitung bis zur Gruppenform.

      Er aß, trank und ging hinaus.

      Er erkannte die Straße nicht wieder. Die nassen Steine trockneten schnell. Am Himmel stand ein Regenbogen. Die Straßenbahnen fuhren schwer, mit vielen Menschen bepackt, der Natur in die Arme. Betrunkene stolperten über sich selbst. Die Kinos öffneten ihre Portale. Die Portiers standen rufend mit goldgeränderten Mützen und verteilten Zettel an die Passanten. Die Sonne lag auf den höchsten Stockwerken der Häuser. Alte verhutzelte Frauen gingen durch die Straßen, in Kapotthütchen mit klingenden gläsernen Kirschen. Die Frauen sahen aus, als kämen sie aus alten Schubladen, die der Sonntag aufgesperrt hatte. Wenn sie auf spätbesonnte weite Plätze trafen, warfen sie merkwürdig lange Schatten. Es gab ihrer so viele, daß es aussah wie eine Wallfahrt märchenhafter alter Zauberinnen.

      Über den Himmel zogen Wolken aus Perlmutter, aus denen man Hemdknöpfe macht. Sie standen in einer rätselhaften, aber deutlich fühlbaren Beziehung zu den dicken Bernsteinspitzen, die viele Männer zwischen den Lippen hielten.

      Immer seltener wurde die Sonne, immer fahler das Perlmutter. Von allen Sportplätzen kehrten die Menschen zurück. Sie brachten Schweiß mit und entwickelten Staub. Autohupen jammerten wie überfahrene Hunde.

      Freudenmädchen erschienen in dunklen Torfahrten, von Bernhardinern und Pudeln gezogen. Gespenstische Hausverwalter rutschten mit Stühlen, auf denen sie festgeklebt waren, zu den Türen hinaus und genossen den Feierabend.

      Junge Mädchen aus dem Volk kreischten, Proletarier gingen sonntäglich in grünen Hüten, in schiefen Anzügen, mit schweren Händen, die sich überflüssig vorkamen.

      Soldaten gingen wie Reklamegegenstände. Es roch nach feuchten Blumen, wie Allerseelen.

      Die Bogenlampen, zu hoch über der Straße, schwankten unsicher, wie Windlichter. In verstaubten Anlagen wirbelten Papierknäuel. Ein zager Wind erhob sich mit einzelnen Stößen.

      Es war, als wäre die Stadt gar nicht bewohnt. Nur am Sonntag kamen Verstorbene auf Urlaub aus den Friedhöfen.

      Man ahnte weitgeöffnete wartende Grüfte.

      Am Abend ging Tunda nach Haus.

      Ihm zu Ehren gab der Kapellmeister ein kleines Fest.

      XIX

       Inhaltsverzeichnis

      Es war ein kleines Sonntagsfest. Die Teilnehmer sahen zwar nicht so aus, als müßten sie auf einen Sonntag warten, um ein Fest mitzumachen. Denn sie gehörten den gehobenen Ständen an, jenen Ständen, die auch am Mittwoch oder am Donnerstag oder selbst am Montag eingeladen werden konnten und auch eingeladen wurden. Es waren Künstler, Gelehrte und Gemeinderäte. Ein Zweiter Bürgermeister, der musikalisch interessiert war, befand sich unter den Gästen. Ein Professor der Universität, der am Freitag von sechs bis acht Uhr abends las und von den Damen der Gesellschaft frequentiert wurde. Ein Schauspieler, der im Staatstheater in Berlin mit Erfolg gespielt hatte. Eine junge kleine Schauspielerin, die zwar mit dem dicken Zweiten Bürgermeister geschlafen hatte, aber unbeschädigt aus seiner Umarmung wieder herausgekommen war und teilweise sogar erfrischt. Ein Museumsdirektor, der ein paar Arbeiten über van Gogh geschrieben hatte, obwohl ihm Böcklin am Herzen lag. Der Musikkritiker eines größeren Blattes, der einen stillschweigenden Pakt mit dem Kapellmeister geschlossen zu haben schien.

      Der und jener hatte seine Frau mitgebracht. Die Damen zerfielen in zwei Gruppen: in elegante, die nach Paris tendierten, und in sachliche, die an die masurischen Seen erinnerten. Es lag ein Glanz von Stahl und Sieg um die letzteren. Hier und dort trug eine ein geschlitztes Kleid. Es bildeten sich drei Gruppen. Erstens: die sachlichen Damen; zweitens: die eleganten Damen; drittens: die Männer. Nur Franz und seine Schwägerin pendelten zwischen den drei Gruppen hin und her und spendeten Erfrischungen. Um Franz, der in einer sibirischen Gloriole steckte und den großen Atem der Steppe und des Eismeers verbreitete, bewarben sich die kühnen Blicke einiger eleganter Frauen. Männer klopften ihm auf die Schulter und schilderten ihm, wie es in Sibirien aussah. Der Musikkritiker erkundigte sich nach der neuen Musik in Rußland. Er wartete aber keine Antwort ab, sondern begann einen Vortrag über das Moskauer Orchester ohne Dirigenten zu halten. Der Museumsdirektor kannte die Petersburger Ermitage auswendig. Der Professor, der Marx verachtete, zitierte die Stellen, in denen Lenin sich selbst widersprach. Er kannte sogar das Buch Trotzkis von der Entstehung der Roten Armee.

      Es war keine richtige Organisation in den Gesprächen. Diese zu schaffen, war ein Fabrikant berufen, der erst gegen Mitternacht eintraf. Es war ein Ehrendoktor und ein Klubmitglied. Mit rotem Gesicht, mit verzweifelt suchenden Händen, die an die Hände Ertrinkender erinnerten, obwohl der Fabrikant mit beiden Füßen auf festem Boden stand, begann er, Tunda ins Verhör zu nehmen.

      Der Fabrikant hatte Konzessionen in Rußland. »Wie steht es mit der Industrie im Uralgebiet?« fragte er.

      »Ich weiß es nicht«, gestand Tunda.

      »Und wie mit dem Petroleum in Baku?«

      »Ganz gut«, sagte Tunda und fühlte, wie er Boden verlor.

      »Sind die Arbeiter zufrieden?«

      »Nicht immer!«

      »Da haben wir’s«, sagte der Fabrikant. »Also die Arbeiter sind nicht zufrieden. Aber Sie wissen verdammt wenig von Rußland, lieber Freund. Man verliert so die Distanz zu den Dingen, wenn man in der Nähe ist. Das kenne ich. Das ist keine Schande, lieber Freund.«

      »Ja«, sagte Tunda, »man verliert die Distanz. Man ist den Dingen so nahe, daß sie einen gar nichts mehr angehen. So wie Sie sich nicht darum kümmern, wieviel Knöpfe Ihre Weste hat. Man lebt so in den Tag hinein, wie in einen Wald hinein. Man trifft Menschen und verliert sie wieder, wie Bäume Blätter verlieren. Begreifen Sie denn nicht, daß es mir gar nicht wichtig erscheint, wieviel Petroleum in Baku gewonnen wird? Es ist eine wunderbare Stadt. Wenn sich ein Wind in Baku erhebt –«

      »Sie sind ein Dichter«, sagte der Fabrikant.

      »Liest man Ilja Ehrenburg in Rußland?« fragte die kleine Schauspielerin. »Er ist ein Skeptiker.«

      »Ich kenne diesen Namen gar nicht, wer ist es?« fragte strafend der Professor.

      »Es ist ein junger russischer Schriftsteller«, sagte zu allgemeinem Erstaunen Frau Klara.

      »Fahren Sie in diesem Jahr nach Paris?« fragte eine Dame die andere aus der Pariser Frauengruppe.

      »Ich habe in der ›Femina‹ die letzten


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