Leopold von Ranke: Historiografische Werke. Leopold von Ranke
Читать онлайн книгу.hier aus hatte man einen Versuch in Äthiopien gemacht und einen Provinzial dahin gesendet; man glaubte eines glücklichen Fortgangs sicher zu sein. Alle diese Provinzen spanischer und portugiesischer Zunge wurden von einem Generalkommissar, Franz Borgia, zusammengefaßt. In der Nation, wo der erste Gedanke der Gesellschaft entsprungen, war auch ihr Einfluß am umfassendsten gewesen.
Nicht viel geringer war er in Italien. Es gab drei Provinzen italienischer Zunge: die römische, die unmittelbar unter dem General stand, mit Häusern für Professen und Novizen, dem Kollegium Romanum und Germanicum, das aus den Rat des Kardinals Morone147 ausdrücklich für die deutschen eingerichtet wurde, jedoch noch keinen rechten Fortgang gewann; auch Neapel gehörte zu dieser Provinz, – die sicilianische mit vier bereits vollendeten und zwei angefangenen Kollegien; der Vizekönig della Vega hatte die ersten Jesuiten dahin gebracht; Messina und Palermo hatten gewetteifert, Kollegien zu gründen, von diesen gingen dann die übrigen aus –, und die eigentlich italienische, die das obere Italien begriff, mit zehn Kollegien.
Nicht so glücklich war es in anderen Ländern gegangen; allenthalben setzte sich der Protestantismus oder eine schon gebildete Hinneigung zu demselben entgegen. In Frankreich hatte man doch nur ein einziges Kollegium eigentlich im Stande. Man unterschied zwei deutsche Provinzen, allein sie waren nur in ihren ersten Anfängen vorhanden. Die obere gründete sich auf Wien, Prag, Ingolstadt, doch stand es allenthalben noch sehr bedenklich; die untere sollte die Niederlande begreifen, doch hatte Philipp II. den Jesuiten noch keine gesetzliche Existenz gestattet.148
Aber schon dieser erste rasche Fortgang leistete der Gesellschaft Bürgschaft für die Macht, zu der sie bestimmt war. Daß sie sich in den eigentlich katholischen Ländern, den beiden Halbinseln, zu so gewaltigem Einfluß erhoben, war von der größten Bedeutung.
14. Ausbreitung der Jesuiten in Deutschland
Päpste II, Werke Bd. 38 S. 16 ff.
Es war den Päpsten gelungen, in dem Konzilium, das sie glücklich beendigt hatten, ihre Autorität, deren Verminderung beabsichtigt war, sogar zu vermehren und sich einen verstärkten Einfluß auf die Landeskirchen zu verschaffen. Überdies ließen sie von jener weltlichen Politik ab, durch die sie bisher Italien und Europa in Verwirrung gesetzt; vertrauensvoll und ohne Rückhalt schlossen sie sich an Spanien an und erwiderten diesem die Hingebung, die es der römischen Kirche widmete. Das italienische Fürstentum, der erweiterte Staat diente vor allem zur Beförderung kirchlicher Unternehmungen; der gesamten katholischen Kirche kam eine Zeitlang der Überschuß seiner Verwaltung zugute. Dergestalt stark in sich selbst, gewaltig durch mächtige Anhänger und eine mit ihnen verbündete Idee gingen die Päpste von der Verteidigung, mit der sie sich bisher hatten begnügen müssen, zum Angriff über. An vielen Orten zugleich tritt die Unternehmung hervor; nach den verschiedensten Seiten der Welt haben wir unsere Aufmerksamkeit zu richten. Die geistliche Tätigkeit ist auf das genaueste mit politischen Antrieben verbunden; es traten weltumfassende Kombinationen ein, unter deren Einfluß die Eroberung gelingt oder mißlingt. Beginnen wir mit unserm Vaterlande, wo ja das Papsttum zuerst seine großen Verluste erlitten, und wo auch jetzt der Kampf der beiden Prinzipien vorzüglich ausgefochten wurde. Vor allem leistete hier die zugleich weltkluge und religionseifrige, mit dem Sinne des modernen Katholizismus durchdrungene Gesellschaft der Jesuiten der römischen Kirche gute Dienste.
Auf dem Reichstag zu Augsburg im Jahre 1550 hatte Ferdinand I. seinen Beichtvater, den Bischof Urban von Laibach mit sich. Es war dies einer der wenigen Prälaten, die sich in ihrem Glauben nicht hatten erschüttern lassen. Oft bestieg er zu Hause die Kanzel, um das Volk in der Landessprache zu ermahnen, bei dem Glauben seiner Väter auszuharren, um von dem einigen Schafstall und dem einigen Hirten zu predigen. Damals nun befand sich auch der Jesuit Le Jay in Augsburg und erregte durch einige Bekehrungen Aufsehen. Bischof Urban lernte ihn kennen und hörte zuerst durch ihn von den Kollegien, welche die Jesuiten an mehreren Universitäten gestiftet. Da in Deutschland die katholische Theologie in so großem Verfall war, so gab er seinem Herrn den Rat, in Wien ein ähnliches Kollegium einzurichten. Lebhaft ging Ferdinand darauf ein; in dem Schreiben, das er hierüber an Ignatius Loyola richtete, spricht er die Überzeugung aus, das einzige Mittel, die fallende Kirchenlehre in Deutschland aufrecht zu erhalten, bestehe darin, daß man dem jüngern Geschlechte gelehrte und fromme Katholiken zu Lehrern gebe. Leicht waren die Verabredungen getroffen. Im Jahre 1551 langten dreizehn Jesuiten an, unter ihnen Le Jay selbst, denen Ferdinand zuvörderst Behausung, Kapelle und Pension anwies, bis er sie kurz darauf mit der Universität vereinigte und ihnen sogar die Visitation derselben übertrug.
Bald danach kamen sie in Köln und Ingolstadt empor. Von diesen drei Metropolen breiteten sie sich nun nach allen Seiten aus, von Wien über die österreichischen Länder, von Köln über das gesamte Rheinland. Unverzüglich versuchten sie ihr Glück auch längs des Maines. Obwohl Frankfurt ganz protestantisch war, hofften sie doch während der Messen daselbst etwas auszurichten. Es konnte dies aber nicht ohne Gefahr geschehen; um sich nicht finden zu lassen, mußten sie alle Nächte die Herberge wechseln. Desto sicherer und willkommener waren sie in Würzburg. Es ist doch als hätte die Ermahnung, welche Kaiser Ferdinand bei dem Reichstage von 1559 an die Bischöfe richtete, endlich einmal auch ihre Kräfte zur Erhaltung der katholischen Kirche anzustrengen, auf diesen glänzenden Fortgang des Ordens in den Stiftern viel Einfluß gehabt. Von Würzburg aus durchzogen sie Franken. Mittlerweile war ihnen auf der anderen Seite Tirol eröffnet worden; auf den Wunsch der Töchter des Kaisers siedelten sie sich zu Innsbruck und dann zu Hall in der Nähe an. In Bayern drangen sie immer weiter vor. In München, wohin sie 1559 gelangten, fanden sie es selbst bequemer als in Ingolstadt; sie erklärten es für das deutsche Rom. Und schon erhob sich unfern von Ingolstadt eine neue große Kolonie. Um seine Universität Dillingen auf ihren ursprünglichen Zweck zurückzuführen, entschloß sich der Kardinal Truchseß,149 alle Lehrer, die noch daselbst dozierten, zu verabschieden und die Stiftung völlig den Jesuiten anzuvertrauen. Zwischen deutschen und italienischen Kommissaren, des Kardinals und des Ordens, ward hierüber zu Botzen eine förmliche Abkunft geschlossen; im Jahre 1563 langten die Jesuiten in Dillingen an und nahmen die Lehrstühle in Besitz. Er beförderte sie nach besten Kräften; bald richtete er ihnen eine Mission in Augsburg ein.
Ein ungemeiner Fortgang der Gesellschaft in so kurzer Zeit. Im Jahre 1551 hatten sie noch keine feste Stätte in Deutschland; 1566 umfaßten sie Bayern und Tirol, Franken und Schwaben, einen großen Teil der Rheinlande, Österreich; in Ungarn Böhmen und Mähren waren sie vorgedrungen. Schon nahm man ihre Wirkung wahr; 1561 versichert der päpstliche Nuntius, daß sie »viele Seelen gewinnen und dem heiligen Stuhl einen großen Dienst leisten«. Es war der erste nachhaltige antiprotestantische Eindruck, welchen Deutschland empfing.
Vor allem arbeiteten sie auf den Universitäten. Sie hatten den Ehrgeiz, mit dem Rufe der protestantischen zu wetteifern. Die ganze gelehrte Bildung jener Zeit beruhte auf dem Studium der alten Sprachen; sie trieben dieselben mit frischem Eifer, und in kurzem glaubte man wenigstens hie und da die jesuitischen Lehrer den Wiederherstellern dieser Studien an die Seite stellen zu dürfen. Auch andere Wissenschaften kultivierten sie; Franz Koster trug zu Köln die Astronomie ebenso angenehm wie belehrend vor. Die Hauptsache aber, wie sich versteht, blieben die theologischen Disziplinen. Die Jesuiten lasen mit dem größten Fleiße, auch während der Ferien; sie führten die Disputierübungen wieder ein, ohne welche wie sie sagten, aller Unterricht tot sei. Die Disputationen, welche sie öffentlich anstellten waren anständig, gesittet, inhaltreich, die glänzendsten, welche man jemals erlebt hatte. Bald überredete man sich in Ingolstadt, dahin zu sein, daß sich die Universität wenigstens im Fache der Theologie mit jeder andern deutschen messen könne. Ingolstadt bekam, aber im entgegengesetzten Sinne, eine Wirksamkeit, wie sie Wittenberg und Genf gehabt.
Nicht minderen Fleiß widmeten die Jesuiten der Leitung der lateinischen